Vom Bastelkeller zur Systemrelevanz

Open Innovation
18.05.2020
Erstellt von Prof. Anne Bergner und Photonikforschung Deutschland

In der Coronakrise erfährt die Maker-Community – die Bewegung der Tüftler und Do-It-Yourself-Pioniere – ungewohnte Aufmerksamkeit, denn sie findet pragmatische Lösungen für fehlendes medizinisches Material. Ein Hub soll das nun besser steuern. Das BMBF stockt dafür die Förderung in der Initiative Open Photonik Pro auf.

Die Fachhochschule Südwestfalen versorgt ein Seniorenheim in Hagen mit per 3D-Druck gefertigten Face Shields. © FH Südwestfalen
Die Fachhochschule Südwestfalen versorgt ein Seniorenheim in Hagen mit per 3D-Druck gefertigten Face Shields. © FH Südwestfalen

Bis vor ein paar Wochen sah das Bild, das wohl viele von den Makern hatten, in etwa so aus: Nerdige Bastler bringen mit glänzenden Augen 3D-Drucker dazu, niedliche kleine Meister-Yoda-Figuren zu produzieren. Doch das hat sich geändert. In der Corona-Krise brechen internationale Lieferketten zusammen und dringend benötigtes medizinisches Equipment fehlt. Hier springen die Maker ein:

In Deutschland hat sich unter #MakerVsVirus eine Plattform formiert, in der sich innerhalb von zwei Wochen 6.500 Freiwillige zusammengetan haben, um dezentral mit ihren eigenen 3D-Druckern u. a. Halterungen für Face Shields (Gesichtsschilde) zu produzieren. Eine durchsichtige DIN-A4-Folie aus dem Schreibwarenladen komplettiert das Produkt, das mit den handelsüblichen durchaus mithalten kann. Bis zu 10.000 Einheiten können so täglich bundesweit an Arztpraxen und Kliniken kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr abgegeben werden. Die Nachfrage ist enorm. So laufen in privaten Hobbykellern, in Makerspaces und FabLabs von Vereinen und Universitäten, aber auch in Firmen und Forschungseinrichtungen jetzt pausenlos die Drucker – größtenteils selbst oder durch Spenden finanziert.

Auch andere einfache und zugleich geniale Maker-Lösungen wie der Ear Saver verbreiten sich. Dem medizinischen Personal schmerzen nach langen Schichten mit Schutzmasken oft die Ohren. Plastikstreifen mit Haken aus dem 3D Drucker oder Lasercutter, an denen man die Gummibänder der Masken hinter dem Kopf befestigen kann, bringen da eine echte Erleichterung. Plötzlich nimmt auch die Öffentlichkeit die Maker wahr und ernst. Medien wie ZEIT online berichteten ausführlich.

Ein neuer Hub vernetzt Maker und Medizin

Trotz des beeindruckenden Potentials zeigen sich zunehmend drei Herausforderungen: Maker sind keine Mediziner, daher fehlt ihnen für die Fortentwicklung der Schutzinstrumente Fachkompetenz. Hinzu kommt, dass Vertreterinnen und Vertreter der Gesundheits- und Pflegebereiche keine direkten Ansprechpartner in der Maker-Szene haben, was den Zugriff auf die Innovationen erschwert. Außerdem gibt es Problembereiche in Medizin und Pflege, von denen die Maker noch gar nichts wissen.

Doch auch für diese Herausforderungen existieren bereits kreative Lösungen: Im Rahmen des Projekts Optocubes, welches durch das Bundesforschungsministerium (BMBF) gefördert wird, richten die Fachhochschule Südwestfalen und die Universität Osnabrück gemeinsam einen Hub ein, der Maker schnell und fachlich eng mit medizinischem Fachpersonal zusammenführt. Damit sollen medizinisch relevante Maker-Innovationen entstehen, die für Gesundheits- und Pflegebereich kurzfristig zugänglich sind. Plan ist, deutschlandweit mehr als zehn bestehende FabLabs und Maker-Spaces zu vernetzen. Der Hub übernimmt außerdem die Kommunikation und Zusammenführung mit medizinischem Fachpersonal und organisiert überregionale Make-a-thons. Auch das BMBF hat die Relevanz des Projekts Optocubes erkannt und dessen Förderung um ca. 300.000 Euro aufgestockt. Das Projekt ist Teil der Förderinitiative Open Photonik Pro.

Rückblick: Wie wurden die Maker zu dem, was sie sind?

Vor über 20 Jahren wurden die ersten Open-Source-3D-Drucker entwickelt und auch andere anspruchsvolle Technologien wie Lasercutter und Mikroelektronik waren nicht mehr nur für Unternehmen verfügbar. Jetzt schien es für jede und jeden möglich, EntwicklerIn und ProduzentIn zu werden. 2013 sprach der Ex-Wired-Chefredakteur Chris Anderson noch voll Enthusiasmus von einer neuen industriellen Revolution. Doch in den Jahren danach machte sich eine gewisse Ernüchterung breit: Die Revolution ließ auf sich warten und Yoda-Figuren, Smartphone-Halterungen und schräge Nischenprodukte gehörten immer noch zu den beliebtesten Files auf den Sharing-Plattformen der 3D-Druck-Hobbyisten. Für die breite Masse waren das nötige technische Wissen und CAD-Kompetenz dann doch eine zu große Hürde. Die Hoffnung, in Zukunft Produkte des eigenen Bedarfs aus dem heimischen Drucker zu beziehen, blieb ferne Zukunftsmusik.

Die engagierte Maker-Community arbeitete weiter an ihrer Vision einer „Do-it-together“-Gesellschaft. Sie vernetzen sich in lokalen Maker-Spaces und FabLabs sowie virtuell im Web, um zusammen an Open-Source-Projekten zu arbeiten und ihr Wissen weiterzugeben. Die Community ist stolz auf ihre Autarkie, den schnellen Austausch von Ideen und Daten. Sie agiert dezentral und agil – all diese Eigenschaften sind in der gegenwärtigen Situation sehr hilfreich.

Schnelle Lösungen in Extremsituationen

Bei der Produktion medizinischer Ausstattung bewegen sich die Maker in einer rechtlichen Grauzone, denn ihnen fehlt jede Zertifizierung. Was bei Face Shields und Ear Savern nicht so sehr ins Gewicht fällt, könnte bei DIY-Beatmungsgeräten lebensbedrohlich werden. Auch in diesem Bereich ist die Maker-Community gemeinsam mit Universitäten und Entwicklern aktiv, Open-Source-Lösungen zu finden. In extremen Situationen und Gegenden mit schlechter medizinischer Versorgung sind solche „Plan C“-Lösungen im Zweifel besser als gar nichts.

Und die Corona-Pandemie zeigt deutlich, dass nicht nur Drittweltländer in eine echte medizinische Krise geraten können, sondern auch scheinbar perfekt ausgestattete Industrieländer wie die USA oder Italien. Alessandro Romaioli und Cristian Fracassi, zwei Ingenieure aus Brescia, sprangen als 3D-Druck-Retter in der Not ein, als in einem lokalen Krankenhaus für ein Beatmungsventil keine Ersatzteile lieferbar waren. Innerhalb kürzester Zeit erarbeiteten sie eine Lösung per Reverse-Engineering des Originalteiles und konnten 150 „inoffizielle“ Kopien im SLS Druckverfahren produzieren. Ihre Datei dazu wird sich aber nicht im Netz verbreiten – das haben die beiden Entwickler betont.

Ausblick: Wie uns die Maker weiterbringen

Die Strategie des Behelfsmäßigen ist eigentlich etwas, das wir nur aus weniger entwickelten Ländern oder lang vergangenen Kriegszeiten kennen. In Indien ist das berühmte „Juggad-Engineering“, bei dem man sich selbst mit allem behilft, was zur Verfügung steht, notgedrungen Volksport. Doch wie es scheint, ist diese Form der kreativen Problemlösung genau das, was wir mehr brauchen. Nicht nur in der akuten Krisenzeit, auch perspektivisch für die „Post-Corona-Zeit“, zeigt uns die Maker-Community, dass es Alternativen zu den bisherigen industriellen Prozessen und Konsumgewohnheiten gibt.

Die selbstorganisierten Teams, die große Motivation, das voneinander Lernen und gemeinsame Entwickeln von Open-Source-Lösungen, globale digitale Vernetzung und lokale Produktion sind ihre Geheimwaffen. Die Technologien haben sich in den letzten zehn Jahren rasant entwickelt – und sie werden es weiter tun. Aber es geht eben nicht nur um die Technologien selbst, sondern darum, wer sie in welchen Kontexten zu welchem Zweck einsetzen kann. Die Demokratisierung der Produktionsmittel scheint noch Nischenphänomen zu sein, aber mit ein bisschen Imaginationskraft lässt sich erahnen, was sich daraus entwickeln könnte.

Wenn es darum geht, Maßnahmen zu entwickeln, wie sich unsere Wirtschaft und Gesellschaft nach der Krise erholen können, braucht es diese Imaginationskraft, damit nicht nur die Strukturen des Gestern wieder belebet werden, sondern auch Neues entsteht. Dazu gehört, das Potential des Maker-Movements insgesamt, der Open-Source-Technologien, der Maker-Spaces und FabLabs endlich zu nutzen und entsprechend zu fördern. Wer eine breite, sinnvolle Digitalisierung fördern will, sollte sich auch die Praktiken der Maker zum Vorbild nehmen. Wer sich mehr „kreative Fitness“ und innovative Eigeninitiative in Deutschland wünscht, sollte neben Start-ups auch den offenen Nährboden dafür unterstützen: Die Maker-Spaces und FabLabs.

Eine Lieferung 3D-gedruckter Face Shields von MakerVsVirus für das Flüchtlingscamp Moria © MakerVsVirus
Eine Lieferung 3D-gedruckter Face Shields von MakerVsVirus für das Flüchtlingscamp Moria © MakerVsVirus
Provisorische Produktion von Face Shields aus 3D-gedruckten Komponenten und Kunststofffolie © MakerVsVirus
Provisorische Produktion von Face Shields aus 3D-gedruckten Komponenten und Kunststofffolie © MakerVsVirus
Ein Stapel fertiger Face Shields © MakerVsVirus
Ein Stapel fertiger Face Shields © MakerVsVirus
Die Mitarbeitenden einer Zahnarztpraxis in Karlsruhe freuen sich über den Schutz © MakerVsVirus
Die Mitarbeitenden einer Zahnarztpraxis in Karlsruhe freuen sich über den Schutz © MakerVsVirus

Über die Autorin

Anne Bergner ist Professorin für Grundlagen Design und Protoyping an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und Leiterin des dortigen ABK FabLabs. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit den kreativen Communities des Maker-Ökosystems, FabLabs/Makerspaces und Maker Ecucation. Ihr Report „Make-Design-Innovate. Das Potential des Maker-Movements für Innovation, Kreativwirtschaft und Unternehmen“ (2017) ist bei Researchgate verfügbar.